02.07.2012 15

»Ehemalige Pörzbrauerei Rudolstadt« — Thüringer Brauereien I

Wenn Hopfen und Malz verloren sind …

Heute möchte ich gerne damit beginnen und euch einen kleinen Einblick in meine Mappe mit dem wunderschönen Thema »Bier« geben, die ich für meine Studienbewerbung angefertigt habe. Zwischen vielen Zeichnungen, Skizzen und einigen anderen Kunsttechniken habe ich wohl die meiste Arbeit in dieses Projekt gesteckt — ein Portrait verschiedener Thüringer Brauereien. Entstanden ist hierbei eine dreiteilige Fotoserie, die sowohl von der Vergangenheit des Brauens berichtet, der Gegenwart und dem volltechnisierten Brauwesen sowie der kleinsten Privatbrauerei Thüringens in der ich mehr machen durfte als nur Fotos.

Beginnen möchte ich mit meiner fotografische Erkundung der alten Pörzbrauerei in Rudolstadt. Einem Ort, an dem über mehr als 190 Jahre Bier gebraut wurde.

Der Gasthof “Zum Wilden Mann” am nordöstlichen Stadtrand Rudolstadt in der Nähe der Ludwigsburg gelegen ist das Stammhaus der Pörzbrauerei die älteste Braustätte des Ortes die über Jahrhunderte für sein “Pörz”-Bier bekannt war. Das Wort Pörze entstammt dabei dem Slawischen und bedeutet übersetzt “Am Bache”.

Ludwig Friedrich I. von Schwarzburg-Rudolstadt verlieh im Jahr 1711 dem Gasthof die fürstliche Erlaubnis Bier zu brauen, welcher im Jahr 1869 durch die Gebrüder Krebehenne gekauft und in die industrielle Pörzbrauerei Rudolstadt ausgebaut wurde.

Nach zwei Weltkriegen, Wirtschaftskrisen und 40 Jahren in der DDR als zwangsenteigneter Betrieb, der bis zur politischen Wende Teil des VEB Getränkekombinat Gera war, wurde schließlich im Jahr 1991 der Braubetrieb ein- und die Produktion in ein Lohnbrauverfahren umgestellt, was 1997 schließlich zur Zwangsvollstreckung führte.

Eigentlich wollte ich an jenem Tag nur die Brauerei auskundschaften, da ich mir nicht sicher war ob es sich für eine Fototour überhaupt lohnt und ob und wie man in das Gebäude hineinkommt. Nach einem vorsichtigen Erkunden fand ich auch recht schnell den Einstieg an der Rückseite des Gebäudes. Im ersten Moment war ich recht enttäuscht, da ich nur große leere Räume voller Bauschutt vorfand. Doch als ich über eine etwas wackelige Stahltreppe ins Innere der Brauerei gelangte war es um mich geschehen.

Gewaltige Maschinen, überall kleine Zettel, Utensilien, Messinstrumente und dazu ein wahnsinniges Abendlicht. Ein Traum für jeden Urban Explorer. Allerdings brannte in diesem Moment auch eine Sicherung in mir durch, was dazu führte das ich komplett allein in diesem Gebäude herum lief. Etwas das man niemals tun sollte! Die alten Holzdielen waren mehr als morsch und man musste enorm vorsichtig sein wo man hintritt.

Anfänglich schlich ich mich durch das Gebäude, immer in der Vorsicht von Niemandem erwischt zu werden, und staunte über all das was ich sah. Es schien wirklich als hätte jemand 1991 die Maschinen abgestellt, die Türen zugezogen und den Schlüssel umgedreht. Gerade der Dachboden war ein Pracht mit seinen alten Schrotmühlen, Transportbändern, Filteranlagen und was weiß ich noch alles.

Nachdem ich alle Etagen, die man von der Stahltreppe erreichen konnte, durch hatte, wagte ich noch einen letzten Gang durch das Gebäude und entdeckte eher zufällig eine kleine steile Treppe hinter einer der Maschinen. Ich kam in ein ein kleines Labor, eher unauffällig, dafür aber voll mit vielen kleinen Details wie alten Hefekulturen und anderem Zeugs. Und dann war da noch diese eine Tür. Sie war zu. Dachte ich zuerst. Als ich etwas drückte merkte ich da geht was. Ich schmiss mich mit der Schulter gegen die Tür, die nun davon flog und dann stand ich da — im Herz der Brauerei, dem Kesselraum. Zwei gewaltige alte Kupferkessel mit einer Patina wie ich sie noch nie zu vor gesehen hatte und dazu der Charme der alten DDR-Baukunst in der alles so penibel und exakt verlegt wurde wie es eben damals möglich war. Ich war hin und weg.

Selbstverständlich gibt es noch weitere Bilder, die ihr euch gerne in meinem Flickr-Set anschauen könnt: Alte Pörzbrauerei, Rudolstadt

So das war es erst einmal von der Pörze. An dieser Stelle auch noch einmal vielen Dank an die Familie Krebehenne, die es mir glücklicherweise verziehen hat dass ich mehr oder weniger in ihr Eigentum eingebrochen bin. Danke! Und wenn es die Zeit zulässt, schau ich nochmal vorbei, dann auch mit meiner großen Kamera, denn diese Bilder habe ich alle mit meinem ollen Billigstativ und meiner alten Lumix LX-3 gemacht.

Im nächsten Teil, dann mein Bericht und natürlich einige Bilder aus der Erlebisnisbrauerei Watzdorf.

tl;drAlte Brauereien fetzen und UrbEx’en sollte man nie alleine.




12 Kommentare


  1. #1

    Bjoeke

    - 03.07.2012 - 01:24 · Reply to this comment

    Gerade die 2 Bilder in der Mitte Deines Artikels (ich hoffe, Du weißt damit, welche Bilder ich meine ;) ) find ich echt Klasse. Da haben die Maschinen schon schier menschliche Gesichter…
    Tolle Fotostrecke!



  2. #2

    honki

    - 03.07.2012 - 01:35 · Reply to this comment

    @Bjoeke: hehe, danke, ja ich weiß welches du meinst. verblüffend ist ja auch die Ähnlichkeit vom dem Grünen links mit dem Android Logo: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Android_logo_2.svg



  3. #3

    chrisse

    - 03.07.2012 - 10:03 · Reply to this comment

    Zuviel HDR für mein Geschmack, aber ansonsten schöne Fotos. Ich mag es wenn alte Industrieanlagen so fotografiert werden.



  4. #4

    GroteskeAder

    - 03.07.2012 - 19:19 · Reply to this comment

    Hut ab, der Herr.
    Sehr schöne Arbeit.



  5. #5

    Forodrim

    - 03.07.2012 - 22:22 · Reply to this comment

    schicke Bilder, im Osten ist noch einige spannendes zu erkunden vorhanden.

    aber musst die location hier mit vollem namen reinstellen? hast du schonmal gesehen wie sowas aussieht nachdem eine horde sprayer und vandalen da durch sind?



  6. #6

    honki

    - 03.07.2012 - 22:49 · Reply to this comment

    @Forodrim: ich glaube ehrlich gesagt nicht dass sich eine horde da reintrauen würde. ich bin selbst ein paar mal zwischen den holzdielen eingebrochen. eine größere menge leute wird da definitiv einstürzen. und eine besonders aktive sprayer community gibt es bei uns auch nicht, und wenn denn kenn ich die hansel ;)



  7. #7

    forodrim

    - 04.07.2012 - 09:37 · Reply to this comment

    ich bin da leider nicht ganz so optimistisch wie du. ich bin öfter auf urbex tour und hab da auch schon zu oft demolierte und vandalisierte locations gesehen.
    geh mal in 2-3 monaten noch mal gucken wie es dann da aussieht und berichte.



  8. #8

    Per

    - 04.07.2012 - 17:45 · Reply to this comment

    Super Fotos. Ich denke bei so alten Industriestrukturen wäre Schwarz-Weiß auch keine schlechte Wahl gewesen. Freu mich schon auf den nächsten Teil.



  9. #9

    honki

    - 04.07.2012 - 22:41 · Reply to this comment

    @forodrim: die bilder kursieren schon seit längerem im netz, bisher ist nichts passiert von daher bin ich ganz froh.

    @Per: danke :) schwarz-weiß wäre auch machbar gewesen, allerdings wäre ich da auch auf meine andere kamera angewiesen da die dafür eine bessere optik/brennweite hat. Nächster Teil wird dann auch ganz anders von den Bildern :) Ich denke mal nächste Woche hau ich den raus.



  10. #10

    MichaausJena

    - 11.07.2012 - 23:40 · Reply to this comment

    Ganz große Nummer! Tolle Arbeit! Danke dafür!



  11. #11

    Thomas

    - 13.07.2012 - 12:24 · Reply to this comment

    Das Bier hab ich noch selber mal in Ilmenau oder Umgebung getrunken … schade das es in Thüringen nicht so wie in Franken mit den kleinen Brauereien läuft



  12. #12

    Heinz tillig

    - 18.01.2014 - 19:50 · Reply to this comment

    Hallo,
    Mein Vater, vor dem Krieg Handlungsreisender in Thüringen berichtete mir immer von einer besonderen pörzbierreklame
    In Form einer großen Anzeigetafel auf der ein Säugling zu sehen war mit einer Sprechblase in der folgendes stand:
    Ja Milli willi, pörzbier will i
    Hat es diese Werbung gegeben?
    Heinz tillig jg 51



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